Raus aus der Stadt, ins idyllische Cajamarca

Ein Bericht von Natalie Kastens

Mal wieder raus aus der Stadt, ohne Handysignal, Verkehr oder vielen Menschen, um in der Ruhe von Cajamarca unterzutauchen. Bei nur wenigen Einwohnern, Häusern verborgen hinter Pinien – und Eucalyptusbäumen, kann man wirklich einmal weg von allem das Dasein und das Hier und Jetzt genießen. Vor allem der Anblick eines Waldes, grüner Wiesen und die Geräusche der Tiere im Wald zu hören, ist im Vergleich zu hektischen Hupen und graue Abgaswolken, die einem schon fast die Sicht versperren, ein Traum.
Schon einmal waren einige Freiwillige und ich in Cajamarca, einem Ort nahe Sucres, um eine lange, anstrengende und nicht ganz ungefährliche Wanderung zu den Inkamalereien zu machen. Bei dieser Wanderung mussten wir uns zuerst auf einen 4000 m Berg hochschleppen, um auf der anderen Seite dann auf der Inkatreppe zu landen, so dass wir von dort steile Berghänge zu den Inkamalereien zu erklimmen konnten. Ich weiß noch wie ich mir während dieser Wanderung oft gewünscht habe, dass es endlich vorbei ist und ich mich einfach nur noch Ausruhen will. Jetzt im Nachhinein natürlich weiß ich auch, für was sich die Anstrengungen gelohnt haben.
Die Sehnsucht noch einmal die Aussicht von dem 4000 m Berg zu haben und sich sagen zu können ‚Wir haben es wieder geschafft!‘, trieb uns noch einmal nach Cajamarca, um von dort loszuwandern.
Daher quetschten wir uns auf gute bolivianische Art zu 9 in einen Landrover, mit samt unserem Gepäck und nutzten jede Sitzmöglichkeit, die sich offenbarte. Für die Bolivianer stellte das wahrscheinlich auch ein recht lustiger Anblick dar: Ein Haufen voller Ausländer in ein Auto gequetscht, die irgendwie zwischen den Rucksäcken oder einer Gaskaraffe nach Freiraum und Luft suchen.? Da würde ich mal behaupten, dass wir alle uns schon recht gut an den bolivianischen Lebensstil angepasst haben. So ging es dann auf nicht ganz bequemer, holpriger und staubiger Fahr mal wieder nach Cajamarca.

Mit schönen Fahrtwind und einem tollen Ausblick von meinem Liegeplatz, habe ich trotzdem die Fahrt genossen und auch einige typische bolivianische Sachen entdeckt:

Eigentlich hatten wir vor uns diesen Tag einfach ein bisschen Auszuruhen, die schöne Atmosphäre zu genießen, um fit für den nächsten Tag und für unsere Mission zu sein. Dennoch ergaben sich die Dinge dann so, dass wir mit Schaufeln, Spitzhacken und einem anderen komischen Gerät auf Wiesen umherliefen, und kleine Pinienbäume einpflanzten. Cajamarca ist ein Ort, der sich früher ohne Vegetation über die kahlen Berge hinweggezogen hat. Dank eines Projektes wurden Stück für Stück mehr Bäume, Sträucher und Wiesen angepflanzt, um das trostlose Gebiet in jetzt eine der vegetationsreichsten und idyllischsten Orten nahe Sucres zu verwandeln. Uns wurde am ‚Anreise-Tag‘ das Angebot gestellt, 75 Bäume zu pflanzen, um kostenlos dort übernachten zu können. Noch mit dem schönen Traumgedanken einfach nur auf einer Wiese zu liegen und nichts zu tun, machten wir uns sofort mit mehr oder weniger Motivation mit den kleinen Bäumen und den Werkzeugen ab in den Wald. Anfangs erschien es endlos und anstrengend und ich fragte mich schon, wieso wir so blöd waren und da zugesagt haben: Immer wieder aufs Neue mit der Spitzhacke in den durchwachsenen Boden zu schlagen, um ein passendes Loch für das Bäumchen herauszuheben.
Aber nach einer Zeit, wenn man seinen ‚Schlagrhythmus‘ gefunden hat, und sich vielleicht auch etwas in der Erde vorgestellt hat, auf dass man ständig einschlägt, ging es eigentlich recht schnell und machte sogar richtig Spaß. Auch die Vorfreude auf selbstgemachte Pizza im Holzofen, den wir schon rechtzeitig angezündet und vorgeheizt hatten, trieb uns voran. Natürlich dann auch der Gedanke, dass wir für die Übernachtung nichts zahlen müssen. Mit dem Gefühl mal ein bisschen Sport für die Arme gemacht zu haben, beendeten wir am frühen Abend unsere Baumpflanzaktion und können zudem stolz sagen, dass wir einen kleinen Teil zu diesem Projekt beigetragen haben. Vielleicht war es ja auch nicht das letzte Mal.

So unerwartet wie diese Aktion war, durchkreuzte dann noch überraschender Weise etwas nichts Vorrausahnendes unseren Plan: Denn mit dem Gedanken, nur eine Nacht dort zu verbleiben, hatten wir uns wohl auch geirrt. Aufgrund von politischen Wahlen wurde am Sonntag den ganzen Tag über bis spät in die Nacht der Verkehr stillgelegt. Das hieß: Für uns bestand keine Möglichkeit am Sonntagabend wieder nach Sucres zurückzukehren. Außer natürlich zu laufen. Aber nach unserer vorgenommen Wanderung hätten wir sehr wahrscheinlich keine Lust und Kraft mehr, den kompletten Weg nach Sucres zurückzulaufen. An die ‚Bloqueo-Situation‘ des Wochenendausfluges mit den Jugendlichen erinnert, mussten wir es wohl oder übel hinnehmen und die Essensvorräte gut und sparsam auf die Tage aufteilen.?
Im Nachhinein ist auch wieder diese Situation recht witzig, da es mal wieder so typisch für Bolivien ist. Da ist es kein Wunder dass die Bolivianer ihren Lebensstil auf reiner Spontanität und Improvisation aufbauen, denn oft bleibt einem gar nichts anderes übrig. Und so dachten wir uns auch dass das schon alles irgendwie wird und ruhten uns für die kommende Wanderung am Morgen aus.
Mit der Hoffnung, dass sich alle ein bisschen an einen Teil des Weges erinnern, machten wir uns früh morgens auf gut Glück los. Mehr oder Weniger ging auch unser Plan bzw. Gedankengang auf, und schon bald befanden wir uns nach kleinen Umwegen auf dem alten bekannten Weg. Auch wurden wir schnell wieder daran erinnert, wie anstrengend der Weg war. Aber diesmal wussten wir, was uns erwartet und wofür es sich lohnt.

So kämpften wir uns mit Vorfreude durch Bäume, über Gestrüpp und Steine hindurch und entdeckten immer mal wieder alte verborgene Bauten.

Recht schnell erreichten wir dann den ‚härtesten Teil‘ des Weges: Der ‚Aufstieg‘ auf den Berg. Allein schon der Anblick der kahlen, grauen und scheinbar unüberwindbaren Felsplatten die an den Seiten quer aus der Erde emporragen, deuteten den härtesten und anstrengensden Teil an. Das Beste ist dabei einfach nur auf den Boden zu gucken und nicht nach oben, um nicht zu sehen wie viel man noch vor sich hat und wie steil es ist. Abgesehen davon ist es aber auch echt mal wieder toll, seine Muskeln unter der Anstrengung zu spüren, und wie sich der Brustkorb gleichmäßig hebt und senkt, um die frische Luft auf 4000m Höhe einzuziehen.

Immer mal wieder den Blick für ein paar Sekunden nach vorne gerichtet, mit der Hoffnung, dass nicht mehr allzu viel fehlt, schleppten wir uns den Berg hinauf. Und dann: Der unglaubliche Ausblick auf die Bergketten, die endlos erscheinen und sich über alles hinwegsetzen. Eine Bergkette reiht sich nach der anderen an, mit unterschiedlichen Steinformationen und Farben. Es kam mir vor, als ob ich auf ein Gemälde blicke, da es so atemberaubend ist und irgendwie unwirklich erscheint. Kahle graue Felswände, die in die Höhe ragen, im Kontrast zu Bergen mit rötlicher Erde oder grün bewachsenen erghängen, mit verschiedenen Mustern oder Aushölungen. Vereinzelte Bäume, wie kleine Inseln und verstreute Häuser, die so klein erscheinen, blitzen immer mal wieder auf. Ewig verblieben wir oben, auf einem Felsen sitzend mit Blick auf einfach Alles. Eine Minute bestand wie aus kleinen Momentaufnahmen, da Nebelschwaden oder Wolken immer wieder den Ausblick erweiterten, Neues offenbarten oder schon Gesehenes wieder verdeckten. Als dann auch noch vereinzelte Sonnenstrahlen Schatten der Wolken auf die Bergketten warfen, verstärkte sich dieser Eindruck. So muss man die Natur im Ganzen wahrnehmen, lauschen und beobachten, was sie einem zeigt und nur für diesen Moment offenbart.

Für mich war wieder eines der beeindruckensten Dinge die Kontraste in der Natur. Nicht nur die Kontraste in der Ferne der Bergketten, die grauen und kalt wirkenden Felsplatten zu den rötlichen oder bewachsenen Bergen, auf denen Leben herrscht. Sondern auch direkt an einem Sitzplatz, konnte ich sie wahrnehmen: graue, kalte Felsplatten zwischen denen immer mal wieder kleine, zarte und farbenfrohe Blümchen hervorsprießen. Oder von grünen Sträuchern und Gras umgeben, und und im nächsten Moment dann wieder alleine in der Natur stehen.

Zwei Stunden verbrachten wir die Zeit mit Ausblick in die Ferne dort oben, bis wir uns widerwillig an den Abstieg machten.
Der Rückweg spielte leider in unserem Plan nicht ganz soo mit, da unsere Erinnerung an ihn scheinbar falsch abgespeichert war. Auf kompletten Umwegen, durch noch mehr Bäume oder Dornenbüsche hinweg und nach zahlreichem Rätseln, wo zum Teufel wir gerade sind, trudelten wir alle irgendwann mal wieder in Cajamarca ein.

Wie wir bereits wussten, gab es keine Möglichkeit noch am gleichen Tag wieder nach Sucre zurückzukehren. So nutzen wir noch einmal die schöne Lage und Atmosphäre aus, machten ein Lagerfeuer und schauten in den schwarzen Himmel, der die Sterne ohne Lichtverschmutzung so klar und hell erleuchten ließ.

Ein „NO“ zu Evos Zukunftsplänen

Es  ist nicht zu übersehen, dass auch Wahlen in Bolivien stattgefunden haben. An jeder Hauswand oder Straßenecke sehe ich ein ‚Si‘ oder in großen Buchstaben den Namen des Präsidenten: Evo Morales. Sogar auf Straßen, die in die abgelegensten Dörfern führen, werden zahlreiche Steine am Straßenrand für Propagandazwecke bemalt. Da ist es fraglich, inwiefern diese bemalten Steine die Menschen bei ihrer Entscheidung beeinflussen können.

Der erste indigene Präsident Boliviens Evo Morales  ist seit 2006 tätig und veranlasste Wahlen, um die Verfassung für eine Verlängerung seiner Amtszeit zu ändern. Schon einmal setzte er sich 2009 über die Obergrenze der zwei Amtszeiten von fünf Jahren hinweg, so dass er dieser erneut hoffnungsvoll bis 2025 verlängern wollte. Als Volksheld und Hoffnungsträger gefeiert, ließ diese anfängliche Begeisterung von Jahr zu Jahr nach und die Meinungen der Bevölkerung spalteten sich auf. Noch von der indigenen Bevölkerung der ländlichen Gegend trifft er auf Zustimmung und wird als Fürsprecher der Interessen angesehen. Während vereinzelte Gruppen dieser Bevölkerungsschicht durch Anschluss an Politik und Wirtschaft profitieren und dabei sogar ohne Schulabschluss auf einmal die höchsten politischen Positionen an seiner Seite besetzen, erhält die Mittelschicht nur recht wenig von diesem Aufschwung und Profit. Ganz im Gegenteil: Sie müssen mit Einschränkungen und Forderungen der Regierung leben und beispielsweise der Mitgliedschaft seiner Partei (MAS) beitreten, um überhaupt Berufsaussichten zu haben oder sie beizubehalten. Dabei spielt es keine Rolle welche Position, ob ‚Si‘ oder ‚No‘,  sie für Evo vertreten. Ganz gleich sind sie gezwungen Propaganda und Kampagnen seiner Partei durchzuführen und sie in der Öffentlichkeit zu präsentieren. So erblickte ich in den vergangenen Wochen an jeder Straßenecke recht unmotivierte Menschenmassen, die im ‚Evo-Outfit‘ bekleidet und mit ‚Si‘-Schildern Propaganda für die kommenden Wahlen machten. Auch Vorkehrungen wie ein Alkoholverbot wurde schon eine Woche vor den Wahlen umgesetzt. Am erwarteten Sonntag kehrte Stille und Ruhe im Stadtzentrum ein, da die Partei mit einem Fahrverbot und Straßenschließungen sicherstellten, dass auch wirklich jeder seiner Pflicht zu Wählen nachgeht. Wahltag in Bolivien bedeutet, dass jeder gezwungen ist zu wählen und dieses mit einer Wahlbestätigung vorweisen muss, um weiterhin ungestört und ohne Einschränkungen sein en Alltag fortsetzen zu können. Des Weiteren bedeutet es, dass alles stillgelegt wird, ob Verkehr oder Handel, so dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als wählen zu gehen.

Momentan sorgen gespaltene Meinungen für Spannungen: Seine Vertreter sehen ihn als die erste Person an, die etwas gegen die Diskriminierung und zum Teil Unterdrückung der indigenen Bevölkerung unternommen hat. Seine Gegner jedoch sehen ihn als der erste Präsident an, der selbst Diskriminierung gegen die städtische Bevölkerung ausübt. Diese Meinung und diese teilweise verbreitete Abneigung drückten sie mit einem klaren ‚NO‘ in dem Referendum aus. Ein demonstrativer Ausdruck für demokratische Reife innerhalb der Bevölkerung, so wie Offenheit für eine neue politische Form. Auch wenn Evos Ziel gescheitert ist und das Ende seiner Amtszeit 2020 absehbar ist, regiert er einerseits unter Zustimmung und andererseits mit fehlendem Prestige und unter Abneigung die kommenden Jahre weiter.